Das Schäuble-Interview in der taz offenbart eine bedenkliche Geisteshaltung. Dies ist nur das jüngste Beispiel einer Vielzahl von Bestrebungen, die darauf abzielen, das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung kontinuierlich zu unterwandern.
Dies beinhaltet die Vorstöße in den Bereichen
- Online Durchsuchungen von Computern
- Vorratsdatenhaltung von E-Mails, Telefondaten, IPs
- Das “Anti-Terror-Paket”
- Auswertung der Mautdaten zur Fahndung
- Sammlung und Auswertung biometrischer Daten
- Auswertung von Positionsdaten durch Handyortung und bald vielleicht schon mittels RFID
- CCTV Überwachung des öffentlichen Raums
- …
Die Begründung hierfür wird aus der Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit zu Gunsten von mehr Sicherheit abgeleitet. Dazu hatte schon Benjamin Franklin ein paar weise Worte übrig:
They who would give up an essential liberty for temporary security, deserve neither liberty or security.
Aber warum sollte man sich darüber überhaupt aufregen? Schließlich müsse man als braver Bürger, der nichts zu verbergen hat, auch nichts befürchten. Dies versucht Schäuble zu unterstreichen, indem er ironischerweise ausgerechnet sich selbst als Beispiel anführt:
Außerdem bin ich anständig, mir muss das BKA keine Trojaner schicken.
Mich erschreckt, dass die öffentliche Meinung zur Zeit dieser Argumentation zu folgen scheint. Eine vorzügliche Gegenargumentation gibt es von Christian Bommarius in der Berliner Zeitung:
Und der Chaos Computer Club denkt noch weiter:
Zwar sind bei uns die Datenschützer (Datenschutz schützt Personen, nicht Daten) wachsam und es regt sich Widerstand:
Zu Verfassungsbeschwerden hat Schäuble allerdings ein entspanntes Verhältnis:
Zum Thema Vorratsdatenspeicherung findet man bei Wikipdia die Aussage:
Die Studie selbst ist in dem Artikel leider nicht verlinkt. Sollten die Zahlen jedoch stimmen, so wären sie[Update:Inzwischen gibt es den Quellenbeleg, die Zahlen sind wie genannt Bestandteil der Studie] Dies scheint mir ein eindrücklicher Beleg dafür, dass die Sammelleidenschaft unserer Exekutive eindeutig nicht in der Verbesserung der Verbrechensbekämpfung begründet sein dürfte.
Noch schmettern unsere Gerichte wie Bundesgerichtshof und Bundesverfassungs- gericht die meisten Versuche ab, unser Land unter dem Deckmantel von mehr Sicherheit sukzessive in einen Überwachungsstaat zu verwandeln. Aber das bedeutet für Schäuble eben nur, dass es an der Zeit ist, die Gesetzeslage zu ändern.
Kann man das anders deuten, als eben einen Mangel an Respekt?
Und das eigene Geschwätz von gestern interessiert ihn heute auch nicht mehr:
So sind also all diejenigen, die das sehr wohl verstehen – inklusive Schäuble selbst noch vor ein paar Jahren – keine Menschen.
Befragt, warum er denn Ende 2004 dem Mautgesetz zugestimmt habe, das die Verwendung von Mautdaten für Fahndungszwecke ausdrücklich verbietet, erklärte Schäuble sein damaliges Abstimmungsverhalten als schweren Fehler. “Von mir hören Sie keine Versprechungen mehr, dass alles so bleibt wie es ist.”
Ich betrachte das durchaus als Drohung.
Es ist nicht die Judikative, die mir momentan Sorgen bereitet. Es ist die Legislative, die deutlich wie selten darstellt, wie sie vorhat, was nicht passt, passend zu machen. Bitte bedenkt das bei eurer nächsten Wahl.
Just because you’re paranoid, doesn’t mean they’re not out there to get you.
Sehr schöner, klarsichtiger Artikel!